Harmonija, na ja ..

WIENWOCHE 2015
© Michael Krebs 2015

Willkommen in der Wohlfühlzone! Der entspannende Duft der Demokratie, die kuschelige Weichheit des Friedens, der himmlische Klang der Gleichheit, das herzerwärmende Knistern der Toleranz und auch - was heißt auch?! -, vor allem der süße Geschmack des Wohlstands.

Doch die Wohlfühlzone schrumpft, und das immer schneller. Von heute auf morgen kann sich mensch wieder draußen vor der Tür finden. Da steht aber quasi schon die ganze Welt - also all jene, die weniger zum Wohlfühlen haben - und klopft zunehmend lauter an. Das Versprechen der Wohlfühlzone kann nicht mehr Schritt halten mit der Wirklichkeit, sie wird von jedem Widerspruch an die Grenzen des Verträglichen gebracht und es heißt: bloß keine aufwühlende Erinnerung oder auffallende Handlung, kein aufrüttelndes Begehren!

Genau an diesem Punkt setzte WIENWOCHE 2015 mit "Harmonija, na ja ..." an. Störungen müssen her, und zwar nicht um des Störens willen. "Der Konflikt ist der wesentliche Kern einer freien und offenen Gesellschaft", schrieb schon der US-amerikanische Bürgerrechtler Saul Alinsky 1971 in seinem Buch "Rules for Radicals". Wer das Heute hinterfragt, den Alltag und die Wünsche, das Jetzt und die Utopie, muss die unheimlich gewordene Harmonie unterbrechen und neu verhandeln. Nicht einverstanden sein, anecken, dazwischenfunken, Sand ins Getriebe streuen, entgegentreten, durchkreuzen, behindern. Und gleichzeitig: entdecken, fantasieren, erfinden, vorausdenken, planen, organisieren, eingreifen. Letztlich Wege finden, um Demokratie, Frieden, Gleichheit und Wohlstand miteinander zu teilen, also: stören, um zu verändern!

Von 18. September bis 3. Oktober 2015 setzten 17 Projekte ganz in diesem Sinne auf Ruhestörung und legten sich mit dem allzu kompromissbereiten "goldenen Mittelweg" als scheinbarer Rettungsgasse der gesellschaftlichen Harmonie an, denn: "Diri harmonia nai mrni harmonia!" (Romanes für "Deine Harmonie ist nicht meine Harmonie!"). 17 Projekte, die Mehr- statt Eindeutigkeit sichern, Mut statt Angst machen, Vision statt Stolz anpreisen und Veränderung statt Abwehr vorantreiben. Handlungsanweisungen aus den Erinnerungen an die Vergangenheit genauso wie aus den Archiven der Zukunft, Denkanstöße und Denkmäler für Widersprüche und Widerreden. Projekte mit guten, aber keinen Gute-Nacht-Geschichten. Geschichten, die von den Geistern einer Vergangenheit handeln, an die nicht gerne erinnert wird. Geschichten, die die verdrängten Taten einstiger großer "Held_innen" in den Mittelpunkt rücken. Und nicht zuletzt Geschichten, in denen künftige Taten geplant werden, mit denen so gut wie niemand rechnet.

So hieß es ab 18. September: Hinaus aus den Pseudo-Wohlfühlzonen, hinein ins Getümmel! Lassen Sie sich nicht stören, stören Sie lieber mit!

Für das Team von WIENWOCHE
Can Gülcü und Radostina Patulova