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  • WIENWOCHE 2018: Offene Arbeitsgruppe

    (C) Siniša Ilić
     

    Open Call für eine performative Studie und öffentliche Veranstaltung ohne Vorsprechen oder Auswahlverfahren

    Konzept und künstlerische Leitung: Bojan Djordjev und Siniša Ilić

    WIENWOCHE 2018 lädt erneut zur Teilnahme an einer offenen Arbeitsgruppe. Wir suchen derzeit Mitwirkende mit oder ohne Erfahrung, jedoch mit einem wahren Interesse an: Schauspiel/Performance, Tanz, Musik, Textperformance, Sport, aber auch bildende Kunst, Handwerk, Technologie, Aktivismus, Produktion und Organisation, Dramaturgie, Recherche und Schreiben. Wir laden alle ein, ihre persönliche Situation, ihren individuellen und kollektiven, historischen und politischen Erfahrungshorizont sowie ihre Perspektiven und Lesarten der Texte und den gemeinsamen Arbeitsprozess einzubringen. Und worum wird es in der Arbitsgruppe gehen? Darum:

    „Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem [ihrem] Ort!“ so wirbt das Naturtheater von Oklahoma im Schlusskapitel von Franz Kafkas unvollendetem Roman Amerika / Der Verschollene. Eine Botschaft, die auch die Neugier von Kafkas Protagonisten Karl Roßmann weckt. Nach seiner Emigration aus Europa mit nur wenigen Habseligkeiten steht er nun nach vielen Irrungen, Wirrungen und erfolglosen Versuchen, Arbeit zu finden, mit vielen anderen vor diesem Plakat. Nach dem Vorsprechen besteigen all jene, die vom Theater engagiert wurden, einen Zug, der sie an ihren neuen Arbeits- und Lebensmittelpunkt bringt – in eine unvorhersehbare Zukunft an einem unbekannten Ort.

    In Kafkas literarischem Fragment endet die Erzählung schlagartig, inmitten der Zugreise. Der Handlungsstrang bleibt unvollendet und öffnet somit Raum für Spekulation: Was ist unsere Zukunft, wohin gehen wir, wozu haben wir JA gesagt, sind wir nur ein Baustein in der Festung des Kapitalismus? Die Zweifel und Unsicherheiten, denen Kafkas Charaktere in ihrem Streben nach einer besseren Zukunft gegenüberstehen, ähneln jenen, mit denen auch wir uns bei jedem Schritt konfrontiert sehen: Sind wir Teil einer Theatervorstellung oder sitzen wir als Beobachter im güldenen Zuschauerraum? Wurden wir vom Aufruf geködert und vertrauen blindlings dem Wort „Willkommen“? Sind wir bereit, alles zu riskieren und/oder aufgrund eines schieren Versprechens zu agieren? Vertrauen wir Glamour und Erfolg, wo positionieren wir uns in der Pyramide einer kapitalistischen Gesellschaft? Ist der noch unbekannte Ort vordefiniert und projiziert, ungeachtet dessen, wohin wir uns bewegen? Fühlen wir uns frei, wenn wir das Angebot annehmen? Warum ziehen wir fort?

    Das Anwerben neuen Personals für das Naturtheater von Oklahoma ähnelt in beklemmender Weise den zeitgenössischen, aber historisch-zyklisch prekären Bedingungen von Migration und Arbeit, die sich über mehr als ein Jahrhundert erstrecken. Kafkas Erzählung spielt vor hundert Jahren, als Millionen von Europäern auf der Suche nach einem besseren Leben und den Verheißungen des US-Kapitalismus die Reise über den großen Teich antraten.

    In den 1960er und 1970er Jahren waren Arbeitskräfte aus Süd- und Südosteuropa im „Westen“ gefragt – dort, wo ein „Ort für alle an ihrem Ort“ ist. Wenngleich die gegenwärtige Einwanderungswelle aus benachbarten wie auch fernen Ländern rechte Feindseligkeiten schürt, so ist sie zugleich jedoch auch eine Antwort auf die Forderung nach „Jeder an seinem Ort“. Es ist notwendig, hinter diese Forderung zu blicken, um den gegenwärtigen Zustand der Welt zu verstehen. Was sind die beruhigenden, aber auch gefährlichen und manipulativen Auswirkungen eines Jede/r an ihrem/seinem Ort?

    All diese Fragen und vieles weitere mehr bilden das zugrundeliegende Raster für einen offenen Forschungsprozess: eine performative Studie unter der künstlerischen Leitung des bildenden Künstlers Siniša Ilić und des Theatermachers Bojan Djordjev, beide aus Belgrad. Ihre Auseinandersetzung kulminiert in einer Abschlussveranstaltung: eine performative Installation im Rahmen des Festivals WIENWOCHE 2018.

    Die performative Studie basiert auf dem letzten Fragment von Franz Kafkas Roman Amerika, integriert jedoch auch andere historische sowie inhaltliche Quellen. Detaillierte Textstudien, intertextuelle Recherchen, visuelle wie textuelle Collagen und Gestaltungen ergänzen den musikalisch-performativen Inhalt. Der Studienprozess selbst umfasst insgesamt fünf Wochen, wobei in jeder dieser Wochen mit unterschiedlicher Intensität gearbeitet wird: ein Kick-off-Meeting am 5. Mai (für alle Neugierigen und an der Teilnahme Interessierten), gefolgt von einem einwöchigen Workshop im Juni sowie Proben Ende August und im September. Die Arbeitssprache ist Englisch (Übersetzung/Dolmetsch nach Bedarf). Die Abschlussveranstaltung selbst wird auf Deutsch und in einigen anderen Sprachen aufgeführt. Der gesamte Prozess wird als eine für alle Interessierten offene Arbeitsgruppe organisiert. Teilnahmebedingungen siehe weiter unten.

    Wir werden alle Mitarbeiter*innen dazu ermutigen, einen individuellen Weg zu finden, der sie ihr Interesse an der Thematik, Arbeitsmethodik oder dem Performancegenre artikulieren lässt. Den Mitwirkenden wird zudem ermöglicht, zum Prozess selbst beizutragen: sei es als Darsteller*innen, Macher*innen, Forscher*innen, Entwickler*innen, neugierige Beobachter*innen – oder alles in einem.

    Anmeldung: per E-Mail an work.group@wienwoche.org, bis spätestens 15. Mai 2018. Die Teilnahme am Kick-off-Meeting ist nicht verpflichtend. Es wird einen ersten Eindruck von Inhalten und Arbeitsweise vermitteln.

    Teilnahmewillige werden gebeten, in der E-Mail ihre Interessengebiete zu beschreiben und Auskunft über die eigene Arbeit und/oder den Werdegang mitzuliefern (max. 300 Wörter, als Word-Dokument oder PDF, mit bis zu fünf Bildern oder einem Link zu einer Online-Präsentation). Es wird keinen Auswahlprozess geben. Informationen zu weiteren Terminen und den Arbeitsprozess selbst werden besprochen beim

    Kick-off-meeting

    5. Mai 2018, 17:00 – 21:00 Uhr
    Ort: Ehemaliges elektropathologisches Museum
    , Gomperzgasse 1-3 (Straßenbahnlinien 2 und 10, Station Liebknechtgasse).


    Über die künstlerische Leitung

    Bojan Djordjev und Siniša Ilić arbeiten an verschiedenen künstlerischen sowie Forschungsprojekten und Formaten in mannigfachsten Konstellationen. Ihr Arbeitsinteresse fokussiert kollektive Arbeit, das Verständnis von Kunst als Ort, der auch ein unterschiedlich strukturiertes kollektives Denken ermöglicht – eine Maschine zur Verarbeitung komplizierter Begriffe wie Ökonomie, Kunstgeschichte, Politik und Kritische Theorie. Beide gehören zu den Mitbegründern der TkH (Walking Theory) Plattform für Kunst und Theorie (2001-2017) und sind Mitbegründer von United Artists Labour 2017. Bojan Djordjev und Siniša Ilić wurden beide 1977 in Belgrad geboren.

    Bojan Djordjev ist Theatermacher und Kunsttheoretiker an der Belgrader Universität der Künste, Fakultät für Dramatik, sowie am Amsterdamer DasArts. Seine Arbeiten wurden neben Belgrad auch in Berlin, Brüssel, Amsterdam, New York, Shanghai, Wien, Zürich, Zagreb, Rijeka und Ljubljana gezeigt. In seinen jüngsten Arbeiten sucht Djordjev künstlerische und theatralische öffentliche Formate für das marxistische Denken zu eruieren sowie das künstlerische Erbe der Linken in Jugoslawien und anderswo zu erforschen. Weitere Informationen zu Bojan Djordjev ...

    Siniša Ilić ist ein bildender Künstler, der soziale Phänomene und Mechanismen durch verschiedene Medien anspricht und dabei Arbeitsformen, Spannungen, soziale Gewalt und Zustände von Unsicherheit untersucht. Ilićs Arbeiten wurden bereits in so manch europäischer Stadt  präsentiert, unter anderem in: Belgrad – Oktobarski Salon, Belgrader Kulturzentrum, Museum für Zeitgenössische Kunst; Paris – Centre Georges Pompidou, Kadist Kunststiftung; Jekaterinburg – Ural Biennale; London – Tate Modern, Calvert 22, Fordham Galerie; Norwegen – Lofotenfest; Wien – WUK, Open Space; Zagreb – Galerie Nova und Vladimir Nazor, My Sweet Little Lamb (Everything we see could also be otherwise). Weitere Informationen zu Siniša Ilić ...